Realität oder Fantasie? Was liest du lieber?

(Buch) Rezension zu "Der Reisende" von Ulrich Alexander Boschwitz

Ein authentischer Blick aus der Vergangenheit

Deutschland Ende des Jahres 1938: Otto Silbermann ist ein recht erfolgreicher Berliner Kaufmann, aber auch Jude, obwohl man ihm das nicht ansieht. Bislang blieben er und seine Familie von jeglichen Gräueltaten gegen Juden verschont, doch dieses Glück währt nicht ewig. Nachdem sein Zuhause im Zuge der Novemberpogrome verwüstet, die Einrichtung zerstört wird und seine arische Frau kurzerhand bei ihrer Familie unterkommen muss, sieht sich Silbermann in einer Zwickmühle. Wohin soll er gehen, was soll er nun tun, wie geht es seiner Frau? Mit noch reichlich Tatendrang und einer großen Portion Hoffnung macht er sich daran, seine neuerlichen Probleme aus der Welt zu schaffen. Aber nach herben Enttäuschungen muss er sehr bald einsehen, dass dies seine Möglichkeiten bei Weitem übersteigt. Er beginnt, kreuz und quer durch Deutschland zu reisen, wobei er auf ganz unterschiedliche Menschen trifft und selbst eine rasante Wandlung durchmacht.

Dieser Roman ist ein sehr besonderer, da er zum Einen aus ebenjener Zeit, den 1930ern stammt, und zum Anderen nicht vom Autor selbst überarbeitet und heraus gebracht werden konnte. Ulrich Alexander Boschwitz, selbst jüdischer Herkunft, starb bereits im Jahr 1942 mit nur 27 Jahren nach Torpedierung seines Schiffes. Was in anderen Sprachen schon früh veröffentlicht werden konnte, ist in deutscher Fassung erst jetzt, viele Jahrzehnte später, möglich geworden.

Das Buchcover des Romans

Boschwitz zeichnet ein Bild von Menschen, das fern der eher typischen „Schwarz- oder Weißansicht“ der damaligen Zeit liegt. Er lässt seinen Helden Silbermann auf ihm wohlgesinnte, wie auch zwielichtige und feindlich gesinnte Mitmenschen treffen, ohne das allein an der Tatsache festzumachen, dass es sich bei ihm um einen Juden handelt. Neben den äußeren Eindrücken gewinnt der Leser jedoch zusätzlich einen tiefen Einblick in das zerrissene Seelenleben des Otto Silbermann, der stets zwischen Verzweiflung, Hoffnung, dem Ausarbeiten wie Gelingen und Scheitern von Plänen und einer immerwährenden Angst vor Verhaftung und Misshandlung steckt. Es ergibt sich eine Sicht, welche ich auf diese Weise zuvor noch nie gelesen habe.

Dass das Werk viele Jahrzehnte alt ist, lässt sich rasch am Sprachgebrauch ausmachen. Dafür musste ich mich zunächst ein wenig einlesen, dann aber kam ich mit diesem Stil gut zurecht. Mir gefiel zudem die Art, wie Boschwitz die Mitmenschen Silbermanns skizziert, sodass die Absicht dahinter, es habe ja in dieser Zeit „gute“ wie „schlechte“ Menschen gegeben, sehr deutlich zutage tritt. Auch Silbermann selbst kann ich nicht als den absolut sympathischen Helden bezeichnen, obwohl gerade das ihn authentisch und glaubwürdig erscheinen lässt.

Für mich macht den speziellen Reiz des Romans aus, dass der Autor als selbst betroffenes „Kind“ dieser Zeit, ein in kurz gefasster Form so differenziertes Menschenbild jener dunklen Vergangenheit aufzeigen kann. Daher vergebe ich 5 von 5 Sternen für dieses außergewöhnliche Buch.

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